Deutsche Literatur
Faust
Leben des Galilei
Nathan der Weise
Die Räuber
Lessing: Nathan der Weise
Thematik Handlung Ringparabel
1. Thematik
Lessings "Nathan der Weise" kritisiert unaufgeklärtes Denken, wie es in Intoleranz, Unversöhnlichkeit und religiösem Fanatismus ausdrückt, und zeigt Wege auf, die zu einer menschlicheren Welt führen. Lessing geht von dem optimistischen Ansatz aus, daß die Grundvoraussetzung für eine menschlichere Welt ein Umdenkprozeß jedes einzelnen Menschen ist. Wenn sich viele einzelne Menschen ändern, dann ändert sich zwangsläufig auch die Welt. Den Weg der Veränderung zeigt Lessing an verschiedenen Figuren auf, die den Gesinnungswandel
von Arroganz zu Bescheidenheit, von Intoleranz zu Achtung und Respekt, von grundloser Abneigung zu Wertschätzung
durchlaufen. Die Hauptfigur, der Jude Nathan, setzt durch die bescheidene und doch bestimmte Art seines Auftretens diese Bewußtseinsänderung bei seinen jeweiligen Gesprächspartnern in Gang; sein unermüdlicher Einsatz für eine bessere Welt, die durch den Willen zur Versöhnung gekennzeichnet ist, wird belohnt. Die freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen, durch die die Hauptfiguren am Ende des Dramas einander engstens verbunden sind, stehen für die Möglichkeit einer besseren und friedlicheren Welt, in der für religiösen Fanatismus kein Platz mehr ist. Der Kampf gegen vorurteilsbelastetes Denken und Sprechen ist auch heute angesichts der fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Tendenzen in Deutschland eine bleibend gültige Forderung; die Thematik des "Nathan" ist aktuell und hochbrisant.
2. Handlung
Erzählt wird die Geschichte des weisen Juden Nathan, der zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem lebt. Ihm gelingt es, im persönlichen Bereich freundschaftliche Beziehungen zu Christen und zu Moslems aufzunehmen und so die Gräben der Feindschaft zu überwinden.
Nach der Rückkehr von einer längeren Geschäftsreise erfährt Nathan. daß sein Haus gebrannt hat und seine Tochter Recha von einem Christen gerettet worden ist. Dieser junge Ritter, der dem Orden der Templer angehört, war erst kurz zuvor von Sultan Saladin zum Tode verurteilt worden, dann aber wegen seiner Ähnlichkeit mit Saladins Bruder Assad begnadigt worden. Nachdem Daja, die Erzieherin Rechas, Nathan von der judenfeindlichen Gesinnung des Tempelritters erzählt hat, beschließt Nathan, ihm persönlich für die Rettung Rechas zu danken. Das Gespräch endet mit gegenseitigen Freundschaftsbekundungen. Der Tempelherr folgt der Einladung Nathans und verliebt sich auf Anhieb in Recha, von der er annehmen muß, daß sie Jüdin sei.
Daja jedoch gibt das langgehütete Geheimnis preis, daß Nathan nicht der leibliche Vater der christlich getauften Recha ist, sondern nur ihr Pflegevater. Der Tempelherr sieht darin eine schwere Verfehlung Nathans und klagt ihn beim Patriarchen von Jerusalem, dem Oberhaupt der Christen in Jerusalem, an, ohne allerdings Nathans Namen zu verraten.
Erst durch die Vermittlung Saladins, der Nathans Weisheit und Großzügigkeit zwischenzeitlich kennengelernt hat, kann der Streit beigelegt werden. Nathan hat unterdessen erfahren, daß der Tempelherr und Recha Geschwister sind und daß Assad, der verstorbene Bruder Saladins, deren Vater gewesen ist. Am Ende des Dramas führt Nathan die Familie zusammen.
3. Die Ringparabel
Ein Mann besitzt einen Ring, dessen Wunderkraft darin besteht, daß er den jeweiligen Träger vor Gott und Menschen angenehm macht, vorausgesetzt, man glaubt an die Kraft des Wunderringes. Dieser Mann nun vererbt den Ring dem von ihm am meisten geliebten Sohn und mit dem Ring verknüpft ist auch der Anspruch auf das Alleinerbe des väterlichen Besitzes. Dieser Brauch wird über mehrere Generationen hinweg gepflegt, bis der Ring schließlich zu einem Vater gelangt, der diese Entscheidung nicht zu treffen vermag, da er seine drei Söhne alle gleich liebt. Kompliziert wird die Geschichte dadurch, daß der Vater jedem einzelnen den Ring versprochen hat, nicht aus Bosheit, sondern aus Schwäche und Unsicherheit. Als der Vater bemerkt, daß er nicht mehr lange zu leben hat, weicht er dem drohenden Konflikt aus, indem er zwei weitere Ringe anfertigen läßt, die dem ersten vollkommen gleichen. In seiner Todesstunde ruft er jeden Sohn einzeln zu sich, gibt jedem einen Ring und stirbt. Da nun jeder der Söhne glaubt, einen berechtigten Anspruch auf das Erbe zu haben, verklagen sich die Brüder vor Gericht und beschuldigen sich gegenseitig des Betrugs. Der Richter scheint zunächst ratlos, doch dann erinnert er sich an die Wunderkraft des Ringes. Da sich aber die Kraft des Ringes bei keinem der Brüder offenbart, so schlußfolgert er, müssen alle drei Ringe unecht sein. Er entläßt die drei Brüder mit dem Rat, daß jeder so leben solle, als besitze er den echten Ring. Am Ende der Tage werde ein Mann mit größerer Weisheit die offene Frage beantworten, denn nur der könne wissen, welcher Ring der echte sei.
Abweichungen von der Vorlage
Nathans Großzügigkeit steht im Gegensatz zu Melchisedechs Geiz. Die Wunderkraft des Ringes, beliebt zu machen, fehlt bei Boccaccio. Damit verschiebt sich auch die Gewichtung, was den Wert des Ringes ausmacht: Nicht das Materielle ist bei Lessing wichtig, sondern die Wirkung des Ringes auf den Träger. Erst Lessings Variante enthält die dramatische Zuspitzung des Konflikts vor dem Richter und damit den Höhepunkt der Ringparabel: Die Zurechtweisung der Brüder und den Rat des Richters. Auch die Belehrung Saladins durch Nathan und die Bitte Saladins, Nathans Freund sein zu dürfen, ist Lessings Ergänzung. Durch die Veränderungen erhält die Erzählung eine völlig neue Aussagekraft. Der Leser bzw. Zuschauer wird in der Konfrontation mit der Bildhälfte der Parabel, ähnlich wie Saladin selbst, angeregt, die gemeinte Wirklichkeit analog zu erschließen und über die eigene Religiosität nachzudenken. Der eindringliche Appell des Richters zwingt zum Nachdenken über das eigene sittliche Verhalten und soll Betroffenheit auslösen.
Erläuterungen:
Mit den drei Ringen sind die drei Religionen gemeint. Der wahre Glaube beweise sich aber nicht durch den Ring, sondern durch die Tat. Über dem Streit um die Rechtgläubigkeit stehe die versöhnende Mitmenschlichkeit, die Nathan selbst beispielhaft vorgelebt habe. Nathan - und mit ihm Lessing - sah die geschichtlich bedingte Eigenständigkeit jeder Religion; ihr Wahrheitskriterium vor dem Richterstuhl der Vernunft sei das Maß der Toleranz, das sie gegenüber Andersdenkenden zu üben bereit sei.
Die Ringparabel ist der Höhepunkt des Dramas. Nathan kritisiert den Absolutheitsanspruch der Religionen und fordert zu humanem Denken und Handeln auf.
Zur Ringparabel
Gotthold Ephraim Lessing: Über das Streben nach Wahrheit
„Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz - wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein !“
mako89