Dumas Alexandre-Die drei Musketiere 02.pdf

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Die drei Musketiere II
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Zweiter Teil
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Der ängstlichste von den vier Freunden war offenbar
d’Artagnan, obgleich er als Gardist viel leichter auszurüsten war
als die Musketiere. Alle Erkundigungen, die er über Madame
Bonacieux einzog, blieben erfolglos. Monsieur de Treville hatte
mit der Königin gesprochen; die Königin wußte nicht, wo die
junge Frau war, und versprach, sie suchen zu lassen. Aber diese
Zusage diente d’Artagnan wenig zur Beruhigung.
Athos verließ sein Zimmer nicht, er war entschlossen, keinen
Schritt seiner Ausrüstung wegen zu unternehmen.
»Es bleiben uns vierzehn Tage«, sagte er zu seinen Freunden.
»Gut, habe ich oder vielmehr hat sich nach deren Verlauf nichts
gefunden, so werde ich, da ich ein zu guter Katholik bin, um mir
mit einem Pistolenschuß die Hirnschale zu zerschmettern, einen
ehrlichen Streit mit vier Leibwachen Seiner Eminenz oder mit
acht Engländern suchen und mich schlagen, bis mich einer tötet,
was schließlich nicht ausbleiben kann. Man wird dann sagen, ich
sei im Dienste des Königs gefallen, und ich werde meinen
Dienst getan haben, ohne daß ich mich auszurüsten brauche.«
Porthos ging fortwährend, die Hände auf dem Rücken und
den Kopf schüttelnd, auf und ab und sagte: »Ich habe meine
Gedanken«, und Aramis sah sorgenvoll und angegriffen aus und
sagte gar nichts.
Man sieht, daß die Verzweiflung Oberhand gewann. Die
Lakaien teilten die trübe Stimmung ihrer Herren: Mousqueton
kaufte Brotvorräte ein, Bazin verließ die Kirche nicht mehr,
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Planchet beobachtete den Flug der Mücken, und Grimaud, den
das allgemeine Unglück nicht dazu bringen konnte, daß er das
ihm von seinem Herrn auferlegte Stillschweigen gebrochen
hätte, stieß so herzzerreißende Seufzer aus, daß sich die Steine
hätten erbarmen mögen.
Die drei Freunde, denn Athos hatte, wie gesagt, geschworen,
keinen Schritt für seine Ausrüstung zu tun, gingen im frühen
Morgen aus und kehrten sehr spät heim. Sie irrten in den
Straßen umher und betrachteten jeden Pflasterstein, um zu
sehen, ob nicht etwa ein Vorübergehender seine Börse hätte
fallen lassen. Wenn sie sich begegneten, richteten sie
verzweiflungsvolle Blicke aufeinander, die zu fragen schienen:
Hast du etwas gefunden?
Da jedoch Porthos zuerst einen Gedanken gehabt und diesen
sodann mit der größten Beharrlichkeit verfolgt hatte, so war er
auch der erste, der ans Werk ging. D’Artagnan sah ihn eines
Tages nach der Kirche Saint-Leu pilgern und folgte ihm
unwillkürlich. Er trat in den heiligen Ort ein, nachdem er zuvor
seinen Schnurrbart in die Höhe gestrichen und den Knebelbart
langgezogen hatte, was bei ihm stets einen Eroberungszug
andeutete. Er lehnte sich an die eine Seite eines Pfeilers,
d’Artagnan, stets unbemerkt, an die andere.
Es wurde gerade eine Predigt gehalten, weshalb die Kirche
sehr voll war. Porthos benutzte diesen Umstand, um die Frauen
ins Auge zu fassen. Infolge Mousquetons Bemühungen ließ sein
Äußeres nicht auf die Trübsal seines Innern schließen.
D’Artagnan bemerkte auf einer Bank, zunächst dem Pfeiler,
an dem Porthos und er lehnten, eine ziemlich reife Schönheit,
etwas vertrocknet, aber steif und hochmütig unter ihrer
schwarzen Haube. Die Augen unseres Porthos senkten sich
verstohlen auf die Dame und schweiften sodann wieder im
Schiff der Kirche umher.
Die Dame, die von Zeit zu Zeit errötete, schleuderte mit
Blitzesschnelle einen Blick auf den flatterhaften Porthos, und
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sogleich fing Porthos wieder an, seine Augen mit aller Macht
umherirren zu lassen. Offenbar stachelte dieses Benehmen die
Dame mit der Haube ganz ungemein auf; denn sie biß sich in die
Lippen, kratzte sich an der Nase und rückte verzweiflungsvoll
auf ihrem Stuhl hin und her.
Als dies Porthos merkte, strich er seinen Schnurrbart abermals
in die Höhe, zog seinen Knebelbart zum zweitenmal lang und
fing an, einer schönen Dame, die nicht nur schön, sondern auch
ohne Zweifel eine vornehme Dame war, denn ein Negerknabe
brachte ihr das Kissen, auf dem sie kniete, und eine Kammerfrau
hinter ihr hielt die mit einem Wappen gestickte Tasche, worin
ihr Gebetbuch verwahrt wurde, den Hof zu machen.
Die Dame mit der schwarzen Haube verfolgte Porthos’ Blick
auf allen seinen Irrfahrten und erkannte, daß er auf die Dame
mit dem Samtkissen, dem Negerknaben und der Kammerfrau
geheftet blieb.
Währenddessen blinzelte Porthos mit den Augen, legte die
Finger auf seine Lippen und lächelte wiederholt in so
unwiderstehlicher Weise, daß es der verschmähten Schönen
durch Mark und Bein ging.
Sie stieß daher in Form eines mea culpa und sich an die Brust
schlagend ein so kräftiges Hm! aus, daß alle und sogar die Dame
mit dem roten Kissen sich umwandten. Porthos hielt stand. Er
hatte wohl verstanden, aber er spielte den Tauben.
Die sehr schöne Dame mit dem roten Kissen brachte eine
mächtige Wirkung auf die Dame mit der schwarzen Haube
hervor, die in ihr eine ernsthafte Nebenbuhlerin erblickte, und
auch auf Porthos, der sie viel jünger und auch viel hübscher
fand, als die Dame mit der schwarzen Haube, endlich auch auf
d’Artagnan, der in ihr die Dame von Meung erkannte, die der
Mann mit der Narbe als Mylady begrüßt hatte.
Ohne die Dame mit dem roten Kissen aus den Augen zu
verlieren, fuhr d’Artagnan fort, auf Porthos zu achten, dessen
Benehmen ihn im höchsten Grade belustigte. Er erriet, daß die
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Dame mit der schwarzen Haube die Prokuratorsfrau war.
Die Predigt war zu Ende. Die Dame ging auf den Weihkessel
zu. Porthos kam ihr zuvor und steckte statt eines Fingers die
ganze Hand hinein. Die Dame lächelte, im Glauben, Porthos tue
dies um ihretwillen, aber sie wurde schnell und grausam
enttäuscht. Als sie nur noch drei Schritte von ihm entfernt war,
drehte er den Kopf und heftete seine Augen unveränderlich auf
die Dame mit dem roten Kissen, die sich erhoben hatte und mit
ihrem Negerknaben und der Kammerfrau näher kam. Als sie
nahe bei Porthos war, zog dieser seine triefende Hand aus dem
Weihkessel. Die schöne Andächtige berührte mit ihrer zarten
Porthos’ plumpe Hand, machte lächelnd das Zeichen des
Kreuzes und verließ die Kirche.
Das war zuviel für die Verschmähte, sie zweifelte nicht mehr
daran, daß diese Dame und Porthos in einem Liebesverhältnis
standen. Wäre sie eine vornehme Dame gewesen, so würde sie
in Ohnmacht gefallen sein, da sie aber nur eine Prokuratorsfrau
war, so begnügte sie sich, mit verhaltener Wut zu Porthos zu
sagen: »Ei, Monsieur Porthos, Ihr bietet mir kein Weihwasser?«
Porthos machte beim Klang dieser Stimme eine Bewegung,
etwa wie ein Mensch, der nach einem Schlaf von hundert Jahren
erwacht.
»Ma… Madame!« rief er, »seid Ihr es wirklich? Wie befindet
sich Euer Gemahl, der liebe Monsieur Coquenard? Ist er noch
immer so ein großer Filz wie früher? Wo hatte ich denn die
Augen, daß ich Euch während der zwei Stunden der Predigt
nicht einmal bemerkte?«
»Ich war nur zwei Schritte von Euch entfernt, Monsieur, aber
Ihr bemerktet mich nicht, weil Ihr nur Augen für die schöne
Dame hattet, der Ihr soeben Weihwasser botet.«
Porthos stellte sich, als geriete er in Verlegenheit.
»Ah!« sagte er, »Ihr habt wahrgenommen …«
»Man müßte blind sein, um es nicht zu sehen.«
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