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Marktplatz - deutsche Sprache in der Wirtschaft
Sendemanuskript
Folge 22:
Strukturwandel
Thema:
Strukturwandel in der Landwirtschaft
Autorin:
Birgit Wetjen
Redaktion:
Thomas Kirschning
Die Personen:
Bauer Harms
Sohn Peter
Bäuerin Harms
Sprecher
Sprecherin
Frau Schmitt, Kundin (mit rheinischem Akzent)
Im O-Ton
Dr. Wilhelm Henrichsmeyer, Uni Bonn
Hans von Hagenow, Haus Bollheim
Bauer Harms:
Mahlzeit, allerseits, brr, kalt ist mir und Hunger hab ich auch.
Sohn Peter:
Mahlzeit! Mama, was riecht das wieder lecker.
Frau Harms:
So, Fleisch und da die Kartoffeln. Irgendwie komisch, so ohne Sabine.
Sohn Peter:
Ach nee, Mama, fang' jetzt bitte nicht damit wieder an. Gib' mit 'mal lieber die Kartoffeln
'rüber. Danke.
Frau Harms:
Na, so einfach unter den Tisch kehren kann man das ja wohl auch nicht. Bisschen kann ich sie
sogar verstehen. Als Bauersfrau hier auf'm Hof hat sie nichts zu erwarten. 'Mal ehrlich, was
hab' ich schon gehabt, vom Leben. Jeden Morgen früh 'raus, nie Urlaub und dann noch
Schulden im Nacken. Da ist Sabine nicht der Typ für, die hat doch ganz andere Pläne.
Sohn:
Mama, bitte ...!
Bauer Harms:
Quatsch, Hilde. Stell' dir doch mal vor, wie das gewesen wär: Ich morgens ab in die Fabrik,
immer denselben Handgriff und das den ganzen Tag, nie an der frischen Luft. Da soll mir
doch der ganze Urlaub gestohlen bleiben. Nee, für nichts in der Welt würd' ich tauschen
wollen. Irgendwie haben wir doch eine ganz andere Lebensqualität.
Sohn Peter:
Will ich wohl meinen.
Frau Harms:
Kann ich mal das Brot haben, bitte.
Bauer Harms:
Ja.
Frau Harms:
Danke.
Sohn Peter:
Schreckliche Vorstellung: Eingepfercht in einem Zwei-Zimmer-Beton-Silo in der Stadt und
dann die Fabrik, mit Stechuhr und so. Oder ins Büro, den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen.
Da kriegten mich keine zehn Pferde hin, auch Sabine nicht. Wenn sie so ein Leben will, bitte,
aber nicht mit mir. Aber was das Geld angeht, hat die Mama schon recht. So kann das auf
keinen Fall weitergehen. Sonst sehe ich für die Zukunft schwarz.
Sprecherin:
Peter Harms hat allen Grund, sich Sorgen zu machen. Der Familienbetrieb erwirtschaftet
nicht einmal das Existenzminimum, das der Staat den Ärmsten der Gesellschaft zur
Verfügung stellt. Und das, obwohl drei Arbeitskräfte sieben Tage die Woche jeweils zehn
Stunden im Einsatz sind. So wie der Familie Harms geht es heute jedem dritten
landwirtschaftlichen Betrieb in Deutschland, der keine anderen Einkommensquellen hat.
Täglich werfen bundesweit 48 Landwirte das Handtuch, geben den Betrieb auf, weil sich ihr
Hof nicht mehr rentiert. Viele Höfe sind längst überschuldet.
Sprecher:
Landwirtschaft gehört heute in den Industriestaaten zu den kapitalintensivsten Branchen
überhaupt. Ein moderner Arbeitsplatz kostet dort durchschnittlich 480.000 D-Mark, weil sehr
viele unterschiedliche Maschinen eingesetzt werden müssen. In der übrigen Wirtschaft sind
im Schnitt nur 280.000 D-Mark erforderlich, um einen Arbeitsplatz zu schaffen, von wenigen
Ausnahmebranchen wie der Werftindustrie abgesehen. Wer dem Wettbewerb in der
Landwirtschaft standhalten will, muss modernisieren. Das heißt: den Betrieb vergrößern und
mittels Technik die Produktivität erhöhen. Dabei gehen Arbeitsplätze verloren. Eine
Entwicklung, die seit Jahrzehnten in Deutschland zu beobachten ist. Prof. Dr.Wilhelm
Henrichsmeyer vom Institut für Agrarpolitik, Marktforschung und Wirtschaftssoziologie an
der Universität Bonn:
Wilhelm Henrichsmeyer:
Mit der starken Reduktion der Beschäftigten in der Landwirtschaft hat sich vollzogen ein
Prozess so von, wie es gelegentlich genannt wird, von Wachsen und Weichen. Ausscheiden
von Erwerbstätigen war in der familienbetrieblichen Landwirtschaft meistens verbunden
auch mit der Aufgabe von Betrieben. Und die Kapazitäten, insbesondere die Flächen,
wurden aufgenommen von wachsenden Betrieben, so dass man da einen Prozess hat, wo
gleichzeitig Schrumpfung und Wachstum sich parallel abspielen.
Sohn Peter:
So kann es auf keinen Fall weitergehen, ehrlich nich, sonst seh' ich für die Zukunft schwarz.
Bauer Harms:
Peter, fang' nicht wieder davon an. Modernisieren, wenn ich das schon hör'. Willst wohl auch
so eine Milchfabrik, wie der Josef Müller sie sich hingebaut hat. Da kannste gleich in die
Fabrik gehen. Mit Landwirtschaft hat das doch alles nichts mehr zu tun.
Sohn Peter:
Mensch, Papa, wann begreifst du endlich, dass es so auf keinen Fall weitergeht. Kredite für
neue Maschinen kriegen wir nicht mehr. Wenn 'was kaputt geht, können wir dichtmachen.
Und auf Geld vom Staat können wir auch nicht in alle Ewigkeit bauen. Wir sollten 'mal was
ganz Neues ausprobieren, vielleicht Eier und Milch verkaufen, direkt vom Hof hier.
Frau Harms:
Das ist 'ne gute Idee, Peter. Ja, ich würd' ja auch nie Eier von diesen Hennen aus diesen
stinkenden Legebatterien essen, womöglich noch mit Salmonellen drin und so, na ja, bei uns
würde man jedenfalls saubere...
Bauer Harms:
Ohne mich, Hilde, ohne mich, dann haben wir auch noch den ganzen Tag die Städter hier
auf dem Hof und dann haben wir gar keine Ruhe mehr. Das Problem ist doch, dass wir alles
unter Wert verkaufen. Wenn man bedenkt, was für Arbeit da drinsteckt, das weiß doch gar
keiner mehr zu schätzen. Soll'n doch mal sehen, wie das ist, wenn wir vom Ausland abhängig
sind und es dann Probleme gibt. Dann kommen sie angekrochen und betteln darum, dass wir
ihnen was zu essen geben.
Wilhelm Henrichsmeyer:
In einer Marktwirtschaft können sich Preise nicht orientieren an den Mühen von
Beschäftigten, sondern sie müssen sich orientieren an den Produktionswerten, die die
Konsumenten zu entlohnen bereit sind und den Opportunitäten, die in anderen Ländern
durch Handel erschlossen werden können.
Sprecher:
Der Preis eines Produktes richtet sich also nach Angebot und Nachfrage. Wenn wenig von
einem Produkt angeboten wird und viele Verbraucher es kaufen möchten, dann steigt der
Preis.
Sprecherin
:
Um ein Feld zu bestellen, benötigt man viele Arbeitskräfte. Arbeitskräfte, die in Deutschland
im Vergleich etwa zu Ländern Mittel- und Osteuropas erheblich teurer sind. Die Folge: Es
entstehen hierzulande höhere Kosten bei der Produktion. Die Arbeit des Landwirtes lohnt
sich daher nur dann, wenn er einen höheren Preis für seine Ware erzielt als für
Importprodukte gezahlt werden.
Bauer Harms:
Wenn ich das schon sehe, heut' im Supermarkt: Nahrungsmittel kriegt man heute für n'en
Appel und n'en Ei. Das ist doch gar nicht einzusehen, für alles geben die Leute viel Geld aus,
aber das, was täglich auf den Tisch kommt, das wollen sie am liebsten umsonst.
Sohn Peter:
Nun mach' mal halblang, Papa. In anderen Bereichen jammerst'e ja auch nicht, wenn du was
billiger kriegst. Meinste denn, den neuen Fernseher hättest du so günstig gekriegt, wenn der
nicht sonst wo montiert worden wär. Oder das Auto, die Teile werden doch auch irgendwo
im Osten oder was weiß ich wo, produziert.
Sprecherin:
Wenn beispielsweise Getreide in Polen so günstig produziert werden kann, dass es trotz der
Transportkosten in Deutschland billiger als heimisches Getreide verkauft werden kann, lohnt
sich der Import. Den Vorteil haben die Konsumenten, die preisgünstiger einkaufen können.
Prof. Henrichsmeier:
Wilhelm Henrichsmeyer:
Das darf man nicht alleine auf den Agrarbereich beziehen, den Agrarhandel beziehen, das
muss man ja auf alle Produkte beziehen, die international gehandelt werden, und da wird
eine Kosten-Nutzen-Analyse auch unter Berücksichtigung der externen Effekte dazu führen,
dass es in fast allen Fällen zweckmäßig ist, die internationale Arbeitsteilung zu betreiben.
Sprecherin:
'Internationale Arbeitsteilung' - Jedes Land bringt das auf die Weltmärkte, was es am besten
und billigsten produzieren kann. Das funktioniert aber nur dann, wenn die Ware ohne
Beschränkungen gehandelt werden kann. Im Agrarsektor ist das selten der Fall. Damit
deutsche Landwirte von ihrer Arbeit leben können, werden sie von der Europäischen Union
und vom deutschen Staat subventioniert. Das europäische Agrarsystem verschlingt mehr als
die Hälfte des gesamten Etats der Europäischen Union, rund achtzig Milliarden Mark pro
Jahr. Preis- und Absatzgarantien, Importzölle und Importkontingente sowie
Exportsubventionen sorgen dafür, dass sich die teuer hergestellten Produkte nicht nur im
Inland verkaufen lassen, sondern auch in den Ländern, in denen die Produktion eigentlich
viel billiger ist. Osteuropäischen Produkten bleibt so oftmals der Zugang zum europäischen
Markt versperrt. Ein wichtiger Grund, weshalb eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union
angestrebt wird. Den europäischen Landwirten ist das gar nicht Recht. Sie fürchten die
Konkurrenz und machen sich deshalb für Abschottung und Subventionen stark.
Wilhelm Henrichsmeyer:
Unter Effizienzgesichtspunkten ist das in hohem Maße ineffizient, unter den
Grundprinzipien einer Marktwirtschaft, auch einer sozialen Marktwirtschaft, ist eine solche
Politikausrichtung auch nicht zu rechtfertigen, jedenfalls nicht als eine Langfristperspektive,
sondern allenfalls in bestimmten Ausprägungen als eine Politik, die Strukturwandel
unterstützt und sozial absichert.
Sprecher:
Subventionen, die unprofitable Betriebe erhalten, sind auf Dauer ökonomisch nicht zu
rechtfertigen. So hat die Europäische Union, die die Agrarpolitik für die Mitgliedsstaaten
regelt, Reformen auf den Weg gebracht. Die Preise vieler Agrarprodukte werden nicht mehr
künstlich hochgehalten, sie sind den Weltmarktpreisen angeglichen worden. Auch
Importzölle und Exporthilfen werden schrittweise reduziert. Im Gegenzug erhalten die
Landwirte Ausgleichszahlungen, die den Einkommensausfall abfedern sollen. Agrarexperte
Henrichsmeyer:
Wilhelm Henrichsmeyer:
Die Haushaltsknappheiten werden darauf hinwirken, dass die nicht auf ewig bestehen
bleiben. Das wird dazu führen, dass in den Betrieben, die Entwicklungsperspektiven und
Chancen haben, zu Betriebsgrößen und Effizienzen zu kommen, die den internationalen
Standard entsprechen, die werden unter diesen Bedingungen konkurrieren können. Es wird
andere Betriebe geben, die sich anpassen können, dadurch, dass sie besondere Qualitäten
entwickeln und besondere Marktnischen bedienen.
Sprecher:
In Zukunft werden landwirtschaftliche Betriebe sich der Weltmarktkonkurrenz zunehmend
stellen müssen. Das setzt eine bestimmte Betriebsgröße und den Einsatz modernster Technik
voraus.
Eine andere Möglichkeit, als landwirtschaftlicher Betrieb zu überleben, besteht darin, Ware
zu produzieren, die sich von der Konkurrenz abhebt. Das ist beispielsweise bei Produkten aus
biologisch-dynamischem Anbau der Fall.
Sprecherin:
Haus Bollheim liegt in Oberelvenich, einem Dorf am Fuße der Eifel, zwischen Euskirchen und
Zülpich. Der komplett renovierte Hof stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist umgeben von
133 Hektar Land. Fünf Familien leben und arbeiten hier, bauen Gemüse und Getreide an,
züchten Rinder und Schweine, halten Hühner, Esel und ein Pferd. Seit 1982 bewirtschaften
sie den Hof in alternativer Form. Als Ökobauern haben sie sich für biologisch-dynamischen
Anbau entschieden. Das heißt: Künstlichen Dünger gibt es nicht und das Futter für die Tiere
stammt aus eigener Produktion. Optimale Fruchtfolgen sorgen dafür, dass der Boden nicht
ausgelaugt wird.
Sprecher:
Ein Ökobauer kann nicht genauso viel aus einem Acker herausholen, wie bei der
herkömmlichen Landwirtschaft. Deshalb macht er seinen Umsatz in erster Linie über die
Qualität des Produktes und damit über den höheren Preis. Ernährungsbewusste Verbraucher
sind bereit, mehr Geld für ein Produkt aus kontrolliertem Anbau auszugeben, so dass der
Ökobauer eine klassische Marktnische bedient. Auch hier gilt, dass sich der Preis durch
Angebot und Nachfrage bestimmt. Hans von Hagenow, einer der Geschäftsführer von Haus
Bollheim:
Hans von Hagenow:
Bis vor, ich weiß es nicht, also, ja, fünf bis sechs Jahren, vielleicht auch schon ein bisschen
länger her, war eigentlich die Situation so im ökologischen Landbau, dass es eher einen
Nachfrageüberhang als einen Angebotsüberhang gegeben hat. Ich sage jetzt mal ein
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