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Marktplatz - Deutsche Sprache in der Wirtschaft
Sendemanuskript
Folge 15:
Forschung
Thema:
Forschung und Entwicklung
Autor:
Heinz-Peter Arndt
Redaktion:
Thomas Kirschning
Die Personen
Herr Stauder:
Chef der Forschung&Entwicklung
Herr Herrmanns:
Laborchef
Frau Reimann, Bio-Chemikerin
Sprecherin
Sprecher
Im O-Ton:
Hans-Jürgen Rosenkranz:
Leiter der Zentrale Forschung Bayer AG
Dr. Bernd Meier:
Institut der Deutschen Wirtschaft
Dr.Frank Morell:
VDI
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Stauder:
Morgen Herr Hermanns. Surfen Sie mal wieder im Internet der Konkurrenz hinterher?
Gibt's irgendwas Neues? Sie kleben in letzter Zeit ja förmlich am Computer. Na ja, unser
Beruf als Chemiker ist auch nicht mehr das, was er mal war.
Hermanns:
Moment, Herr Stauder. Ich speicher das eben noch schnell ab. So!
Ja, Sie haben Recht. Ein Reagenzglas nimmt man als Laborleiter kaum noch selbst in die
Hand. Aber Forschung und Entwicklung, ohne sich auf dem Laufenden zu halten, da ist
man heute ziemlich schnell weg vom Fenster.
Stauder:
Das können Sie laut sagen! Haben Sie neulich diese Patentgeschichte bei Novopharm
mitgekriegt? Das war ja wirklich ein dicker Hund. Da kommt Novopharm zum Patentamt,
will einen neuen Wirkstoff anmelden, nur um zu erfahren, dass die Duplex AG nur zwei
Tage zuvor genau dieselbe Substanz für sich registriert hat!
Hermanns:
Ja, da könnte man direkt sonst was denken! Aber die wissenschaftlichen
Veröffentlichungen waren doch so, dass die Idee ziemlich nahe lag - und da ist Zeit dann
Geld, und wer das nicht hat, lässt sich auf so einen Wettlauf besser nicht ein. Wenn ich das
bloß überschlage, mehrere Jahre Entwicklungsarbeit, da ist ein dreistelliger
Millionenbetrag den Bach runtergegangen. In der Haut von deren Entwicklungschef möcht
ich nicht stecken!
Stauder:
Ich auch nicht. Zum Glück läuft das bei uns anders. In den letzten Jahren hatten wir doch
meistens die Nase vorn, und das verdanken wir nicht zuletzt Ihnen, Herr Hermanns. Bloß so
ein richtig großer Treffer, der war schon lange nicht mehr dabei...
Hermanns:
Wir tun unser Bestes, aber Sie wissen ja, unsere durchschnittliche Trefferquote liegt bei
1:46.000! 46.000 Substanzen, die untersucht werden müssen, ehe sich eine einzige davon als
produktfähig erweist. Gemessen daran waren wir unverschämt gut. Und der große Wurf -
dazu gehört halt außer Fleiß das berühmte Quäntchen Glück.
Stauder:
Aber Sie waren doch auf einer interessanten Spur, soweit ich mich entsinne. Dieses
Schneckenmittel auf pflanzlicher Basis - wie sieht's denn damit aus?
Hermanns :
Vielversprechend. Doch, doch. Aber danach fragen Sie am besten die Kollegin Reimann. Ja,
die ist im Gewächshaus, das erste, dahinten geradeaus durch.
Stauder:
Ja, danke. Dann will ich Sie nicht weiter von Ihrer Arbeit abhalten. Bleiben Sie dran,
Hermanns.
Sprecherin:
Die Hoffnung auf den großen Durchbruch, auf einen bahnbrechenden neuen Wirkstoff für
die Pflanzenschutzmittelindustrie: Sie motiviert tatsächlich die Mitarbeiter im
Landwirtschaftszentrum der Bayer AG in Monheim bei Leverkusen. Das
Landwirtschaftszentrum ist eine der wichtigsten Ideenschmieden des Bayer-Konzerns. 1.700
Beschäftigte arbeiten auf dem Gelände, das mit 55 Hektar Fläche so groß ist wie 70
Fußballplätze. Ihr Metier nennt man Forschung und Entwicklung. Das Ergebnis ihrer Mühen
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ist für Bayer das Geschäft von morgen und übermorgen. Und damit auch in Zukunft
mindestens ähnlich hohe Gewinne erwirtschaftet werden wie in den vergangenen Jahren,
investiert der Konzern kräftig in Forschung und Entwicklung, kurz F&E genannt. Professor
Hans-Jürgen Rosenkranz, Leiter der Zentralen Forschung bei der Bayer AG:
Rosenkranz:
Wir sind irgendwann in den siebziger Jahren gestartet mit rund 4 Prozent vom Umsatz. Das
ist auf der einen Seite darauf zurückzuführen, dass wir tatsächlich ganz konsequent auch
heute die Forschung wieder forcieren und uns zur Forschung im Unternehmen bekennen;
zum anderen aber auch darauf, dass im Laufe dieser Jahre, von den 70er Jahren bis heute,
die forschungsintensiven Geschäfte, nämlich Pharma- und Pflanzenschutz, stärker
gewachsen sind als die Geschäfte, die eben nicht so forschungsintensiv sind, nämlich
Großchemikalien und Kunststoffe und so weiter.
Sprecher:
Forschung und Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln ist, wie gehört, vor allem eine
äußerst mühsame Suche nach dem geeigneten Wirkstoff. Jahr für Jahr stellen die Chemiker
und Laboranten im Landwirtschaftszentrum Monheim bis zu 25.000 verschiedene
Substanzen her. Viele unterscheiden sich nur um winzige Molekularstrukturen von bereits
bekannten Wirkstoffen. Nur knapp alle zwei Jahre gelingt ihnen ein großer Treffer - ein
neues Produkt, eine Pionierleistung, mit der auf dem Markt ein echter Vorteil zu erzielen
ist.
Sprecherin:
Ebenso wichtig wie die rasche Anmeldung beim Patentamt, wenn der Wirkstoff gefunden
wurde, ist deshalb zuvor Geduld bei der Suche. Denn eine Substanz, die der Chemiker
vielleicht für vielversprechend hält, muss noch viele Tests bestehen. Zunächst wird sie im
Biolabor geprüft. Dort streichen Laboranten die Test-Substanzen in verschiedenen
Dosierungen auf die Pflanzen. Dann werden Schädlinge an die Pflanzen gesetzt, zum
Beispiel Blattläuse. Wenn die Schädlinge im Labor abgetötet werden können, gilt dieser
Test als bestanden. Nun beginnt die nächste Phase - im Gewächshaus...
Stauder:
Also, das möchte ich mir doch selber ansehen, Frau Reimann, nachdem Herr Hermanns mir
solche Hoffnungen gemacht hat. Wenn ich richtig informiert bin, dann haben Sie jetzt also
verschiedene Anwendungsmethoden ausprobiert, als Granulat und als Spritzmittel.
Reimann:
Ja, genau....
Stauder:
Das Granulat wäre natürlich das Beste. Leichte Handhabung, geringe Dosierung. Davon
verspreche ich mir ziemlich viel.
Reimann:
Ja, das wäre es. Im Biolabor hat es auch prima funktioniert, da hat keine Schnecke überlebt.
Hier im Gewächshaus sieht das aber leider anders aus. - Sehen Sie selber.
Stauder:
Bitte, nach Ihnen. Ist ja angenehm warm hier...
Reimann:
Sehen Sie hier - diese Kohlpflänzchen haben wir mit unterschiedlichen Konzentrationen
besprüht. Kaum angefressen und alles voll toter Schnecken. Aber da hinten...
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Stauder:
Das darf doch nicht wahr sein! Abgefressen, mit Stumpf und Stiel!
Reimann:
Ehrlich gesagt - es wundert mich nicht. Es ist ein Fraßgift. Und wenn sie frisches Grün
angeboten bekommen, gehen die Schnecken nicht an diese Körner.
Stauder:
Das war also ein Reinfall, ja?
Reimann:
Nein, das würde ich so schnell nicht sagen. Wenn wir ein Lockmittel zusetzen, das die
Körner für die Schnecken attraktiv macht, könnte es doch funktionieren. Das ist der nächste
Versuch, den ich angesetzt habe.
Stauder:
Das hieße, zwei Wirkstoffe für ein Produkt?
Reimann:
Ja, das erhöht die Herstellungskosten, ich weiß, aber anderseits: Mit einem rein
pflanzlichen Schneckenkorn liegen wir voll im Trend, und die ökobiologischen und
toxikologischen Tests sind fantastisch. Einen solchen Wirkstoff sollten wir nicht so leicht
abschreiben.
Stauder:
Die Werte waren also wirklich so gut? Die Abbaubarkeit im Boden, keine Rückstände im
Grundwasser oder im Gemüse?
Reimann:
Nein, nichts.
Stauder:
Sie wissen ja, was uns blüht, wenn da vergiftete Vögel umfallen, oder - noch schlimmer -
ein Kleinkind?!
Reimann:
Keine Sorge, ich geb' Ihnen den Ordner, da können Sie es sich ansehen. Selbst wenn wir
den Stoff direkt nicht vermarkten können, wäre das immer noch für unsere Gentechniker
interessant. Wenn die das verantwortliche Gen in der Ursprungspflanze isolieren und
übertragen könnten, nach dem Motto 'der schneckenresistente Kohl', das wär ein echter
Renner auf dem Markt, wie seinerzeit Gaucho, Sie erinnern sich?
Sprecherin:
Gaucho - das war ein Volltreffer der Bayer-Forschung. Japanische Chemiker des Konzerns
fanden den Wirkstoff dieses Pflanzenschutzmittels: Imidacloprid. Die Biologen im
Landwirtschaftszentrum Monheim entwickelten und testeten ihn dann bis zur Marktreife.
Das Besondere an Gaucho ist seine Anwendung. Mit dem Mittel wird nämlich schon das
Saatgut gebeizt. Das heißt: Bereits die Samenkörner werden mit dem Pflanzenschutzmittel
bestrichen. Im Laufe des Wachstums der so präparierten Pflanze gelangt Gaucho
automatisch in die Blätter und schützt dort die Pflanze gegen Schädlinge. Das großflächige
Bespritzen eines Feldes ist nicht mehr nötig, wenn man bereits die Samenkörner behandelt
hat. Und deshalb braucht man bei dieser Methode erheblich weniger Wirkstoff als bei
traditionellen Pflanzenschutzmitteln, nämlich nur noch ein bis zwei Prozent der bisherigen
Menge.
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Sprecher:
So wird die Umweltbelastung durch die giftige Substanz deutlich reduziert; Bauern und
Bäuerinnen kommen mit dem Mittel weniger in Berührung und haben geringere
Gesundheitsrisiken. Und schließlich verdient Bayer gut an seiner neuen Marke. Denn der
neue Wirkstoff ist effizient und gleichzeitig leicht und billig zu transportieren. 700
Millionen Mark Umsatz erwartet der Konzern künftig jährlich mit Gaucho. Die
Entwicklungskosten von rund 300 Millionen Mark dürften ohne Zweifel bald wieder
eingespielt sein.
Sprecherin:
Forschung und Entwicklung ist ein schöpferischer Akt. Am Ende eines F&E-Prozesses steht
oft ein gänzlich neues oder entscheidend verbessertes Produkt. Die Entwicklungsphase ist
zwar teuer, aber danach winkt dem Unternehmen reicher Gewinn. Denn bis die Konkurrenz
nachziehen kann, ist das Produkt einzigartig. Das Entwickler-Unternehmen hat damit eine
Monopolstellung auf dem Markt. Bis die Konkurrenz mit einem ähnlichen Produkt
nachziehen kann, bestimmt das Entwickler-Unternehmen wenigstens für bestimmte Zeit
den Preis alleine. Dementsprechend groß ist der Gewinn. Das ist für das Unternehmen
lukrativ. Aber gleichzeitig profitiert auch die gesamte Volkswirtschaft eines Landes. Mit der
Entwicklung vieler neuer Produkte steigt der Reichtum einer Nation. Oder, wie es der große
österreichische Nationalökonom Joseph A. Schumpeter ausdrückte, "der schöpferische,
risikofreudige Unternehmer ist gleichzeitig Träger einer positiven gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung."
Sprecher:
Schumpeters Erkenntnis ist zwar schon viele Jahrzehnte alt, aber sie hat sich in der jüngeren
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bestätigt . So stieg in den 80er Jahren die
Nettoproduktion in Wirtschaftszweigen, die intensiv Forschung und Entwicklung betrieben,
im Durchschnitt um jährlich 3,4 Prozent. Im Gesamtdurchschnitt des verarbeitenden
Gewerbes wurde dagegen nur 2,4 Prozent pro Jahr mehr produziert. Das wirkte sich auch
auf die Arbeitsplätze aus. Hunderttausende neuer Stellen entstanden in den 80er Jahren.
Nahezu alle in forschungsintensiven Branchen. 1978 waren knapp 40 Prozent der
Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe F&E-intensiv. 1992 lag der Anteil schon bei knapp
44 Prozent. Dr. Bernd Meier, Forschungsexperte beim Kölner Institut der Deutschen
Wirtschaft, erklärt warum:
Meier:
Wenn neues Wissen geschaffen wird, neue Produkte, neue Produktionsverfahren
entwickelt werden, dann ist das sehr bedeutsam für die internationale
Wettbewerbsfähigkeit eines Landes im allgemeinen und für die Wettbewerbsfähigkeit
eines einzelnen Unternehmens im besonderen. Von daher ist gerade eine ressourcenarme
Nation wie die Bundesrepublik Deutschland außerordentlich stark auf Forschung und
Entwicklung und damit das Humankapital in diesem Sinne angewiesen.
Sprecher:
Diese Lektion schienen die deutschen Unternehmer zu Beginn der 90er Jahre allerdings ein
wenig vergessen zu haben. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung nahmen kaum
noch zu, im Jahr 1993 sanken sie sogar deutlich um 1,4 Prozent. Der Grund: Die
Exportnation Deutschland litt zunehmend unter der international nachlassenden
Konjunktur und die Unternehmen wollten in allen Abteilungen Kosten einsparen, also auch
bei Forschung und Entwicklung. Gerade in den Branchen, in denen deutsche Unternehmen
auch international besonders erfolgreich sind, wirkte sich die Rezession deutlich aus: Im
Automobil- und Maschinenbau, in der Chemie und Elektrotechnik, in der Stahlindustrie und
Mineralölverarbeitung. Und in diese Branchen fließen in Deutschland damals wie heute
rund neunzig Prozent der Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen.
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